Wie funktioniert eigentlich Crowdsourcing im Unternehmen?

Frank Wolf —  12. März 2010 — 8 Comments

Bei so grundsätzlichenFragen lohnt wie immer zunächst ein Blick in Richtung Wikipedia und dort steht zum Thema Crowdsourcing folgendes:

Crowdsourcing bezeichnet im Gegensatz zum Outsourcing nicht die Auslagerung von Unternehmensaufgaben und -strukturen an Drittunternehmen, sondern die Auslagerung auf die Intelligenz und die Arbeitskraft einer Masse von Freizeitarbeitern im Internet. Eine Schar kostenloser oder gering bezahlter Amateure generiert Inhalte, löst diverse Aufgaben und Probleme oder ist an Forschungs- und Entwicklungsprojekten beteiligt.

Dieser Definition dürfte unser heutiger Gesprächspartner Aleksandar Ivanov heftig wiedersprechen, denn die Firma Analyx aus Berlin setzt mit Ihrer Lösung CrowdWorx vor allem auf die verteilte Intelligenz der Mitarbeiter, um verschiedenste geschäftskritische Fragestellungen mit sogenannten Prognosemärkten gemeinschaftlich besser zu verstehen und Entwicklungen präziser vorherzusagen. Prognosemärkte sind ein sehr formalisierter Anwendungsfall einer Crowdsourcing Strategie im Unternehmen, andere Anwendungsgebiete wären z.B. die gemeinschaftliche Bewertung und Diskussion von Innovationsideen (Betriebliches Vorschlagswesen).

Prognosemärkte sollen das Bauchgefühl von Mitarbeitern, Zulieferern oder Kunden bündeln und daraus quantitative Prognosen erstellen. Wie funktioniert das genau?

AI: Jeder Mitarbeiter verfügt potentiell über relevantes Wissen, welches bessere Prognosen ermöglicht. Ziel einer Prognosemarkt-Software ist es, dieses Wissen zu bündeln, zu gewichten und automatisch in quantitative Kennzahlen und Prognosen umzurechnen.

Es funktioniert recht einfach: Teilnehmer besuchen eine Intranet-Webseite auf der sie mit Spielgeld auf das tatsächliche Ergebnis eines Indikators, einer Kennzahl oder auf beliebige anderen Prognosen setzen. Wer schlecht tippt, verliert sein Spielgeld und hat keine Chance Preise zu gewinnen oder im Ranking nach oben zu kommen. Daher hat jeder einen Anreiz richtig zu tippen, was die Prognosen nachweislich genauer macht. Diese Anreizmechanismen sind der eine Grund, warum die Prognosen mit Prognosemärkten genauer sind.

Ein weiterer Mechanismus in einem Prognosemarkt ist die automatische Gewichtung der Teilnehmer nach ihrer individuellen historischen Prognosegenauigkeit. Nutzer, die besser sind, erhalten zunehmend höheres Gewicht in den Prognosen, so dass ein solches System über die Zeit immer besser wird.

Bild_1

Auf der Starseite sehen Nutzer alle Prognosen, die in einem Unternehmen aktuell laufen, und wählen an welchen sie teilnehmen möchten. Nutzer werden nur dort Ihr Spielgeld investieren, wo sie sich selbst eine gute Prognose zutrauen.

Und wofür setzen Firmen diese Methode konkret ein?

AI: Die häufigsten Einsatzgebiete sind Umsatz- oder Absatzprognosen sowie die Prognose des Umsatzpotentials von neuen Produktideen. In diesem Umfelde werden auch viele weitere Indikatoren prognostiziert, das variiert von Unternehmen zu Unternehmen. Manche Unternehmen wollen Entwicklungskosten, -dauer, und Umsatzpotential neuer Produkte vorhersagen. Andere nutzen das Tool, um die Verspätungen wichtiger Projekte vorherzusagen, was ein weiterer wichtiger Einsatzbereich ist, weil gerade hier, die Anonymität des Marktes das Tool zu einem Frühwarnsystem macht, weil sich niemand im normalen Meeting traut, die Probleme offen anzusprechen.

Bild_2

Vorhersage der wöchentlichen Absatzzahlen eines Waschmittels.

Die Anwendungsgebiete sind aber sehr breit, da man Kollektive Intelligenz auf viele Problembereiche anwenden kann. So ist bspw. einer unserer Vertriebspartner Spezialist für Change Management und nutzt Prognosemärkte als Echtzeit-Barometer, um die Stimmung in einem Unternehmen in Echtzeit zu messen. Dadurch kann das Management natürlich sofort die Reaktionen auf Ankündigungen ablesen und frühzeitig reagieren.

Prognosemärkte werden sowohl in großen Konzernen als auch in KMU genutzt, wobei bei KMU mit geringen Teilnehmerzahlen spezielle Software eingesetzt wird, um mangelnde Aktivität automatisch zu kompensieren.

Was sind die Herausforderungen beim Einsatz im Unterhemen?

AI: Unternehmen nutzen Prognosemärkte komplementär zu Wikis und Wissensmanagement-Systemen. In Prognosemärkten wird nämlich kein Wissen abgelegt, sondern das Wissen direkt in entscheidungsrelevante quantitative Indikatoren umgerechnet, die tagesaktuell sind.

Viele Kunden sind von der Prognosegenauigkeit begeistert, können aber ein Web2.0-Tool nicht ohne Weiteres dauerhaft in der Organisation verankern. Der kritische Erfolgsfaktor ist nämlich der Einführungsprozess und die Einbettung in die Geschäftsprozesse des Unternehmens. Warum sollte z. B. jemand das Tool nutzen, wenn die Prognosen des Tools vom Management nicht beachtet werden.

Erfolgreiche Prognosemärkte in Unternehmen zeichnen sich dadurch aus, dass Sie eine durchdachte und leicht verständliche Anreizstruktur haben, dass konkrete Aufgaben in das System verlegt werden und nicht außerhalb erledigt werden und dass das Management die kollektiven Prognosen auch wirklich nutzt.

Mit wem redet Ihr im Unternehmen, wer ist da normalerweise euer Ansprechpartner?

AI: In der Regel kommen Abteilungsleiter oder Geschäftsführer, mit einer konkreten geschäftlichen Fragestellung auf uns zu, um eine Pilotphase zu vereinbaren, in der Sie das System testen können. In dieser Phase klären sich wichtige Fragen, wie die Zusammensetzung der Teilnehmer (alle oder nur ein ausgewählter Kreis), das Anreizsystem oder auch ob die Unternehmenskultur in der Lage ist, einen Enterprise 2.0-Ansatz zu tragen. Enterprise 2.0 heißt auch mehr Demokratie im Unternehmen zu wagen und dazu sind nicht alle Unternehmen bereit. Es gibt eine Menge organisatorischer Fragen zu klären und der richtige Ansprechpartner kann durchaus der Wissensmanagement-Verantwortliche sein, falls er Erfahrungen in der erfolgreichen Einführung neuer Tools in die Geschäftsprozesse des Unternehmens hat. Trotzdem ist eine enge Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen, wie bei allen anderen Dingen auch, immer notwendig.

 

Mehr Informationen:  Ivanov (2009) Using Prediction Markets to Harness Collective Wisdom for Forecasting Journal of Business Forecasting, Vol 28, No 3

Frank Wolf

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8 responses zu Wie funktioniert eigentlich Crowdsourcing im Unternehmen?

  1. Wie Crowdsourcing bzw. Open Innovation in Unternehmen funktioniert sehen Sie hier: http://www.brainfloor.com 3 Videos auf der Startseite zeigen
    1. Allgemeines zum Thema
    2. Wies funktioniert für Unternehmen
    3. Wies funktioniert für Ideengeber

    Die Deutsche Post, Bosch Electronics, Jack Wolfskin, … (über 100 abgewickelte Projekte zum Thema Ideenfindung) bescheinigen uns nur Bestes!

    Viel Spaß!!!

  2. Schön, dass Crowdsourcing inzwischen immer mehr Menschen interessiert und die Potentiale langsam erkannt werden. Sicher ist Crowdsourcing auch innerhalb eines Unternehmens möglich. Ich denke die größte Chance liegt aber darin, Außenstehende in interne Prozesse einzubeziehen. Das können Kunden, Fremde oder aber auch Experten-Communities sein, wie beispielsweise bei unserem Unternehmen http://www.designenlassen.de , hier können Designaufgaben in eine Community “crowdgesourced” werden.

  3. und für den Endkunden gibt es ja noch http://www.crowdpark.de :)

    Mit nicht so ernsten Themen, wie bspw. Fussball, Tratsch&Klatsch – halt für jedermann

  4. Hi, just wanted to mention, I liked this blog post. It was practical.
    Keep on posting!

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