Stress am digitalen Arbeitsplatz

Katrin Vagt —  8. Juli 2014 — Kommentieren

Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) haben unser gesamtes Arbeitshandeln durchdrungen. Sie sorgen dafür, dass wir schnell riesige Datenmenge durchsuchen und zu jeder Zeit, an jedem Ort, miteinander kommunizieren können. Sie sorgen allerdings auch dafür, dass wir alle 6 Sekunden am Arbeitsplatz abgelenkt werden. Ein Reiz fordert unsere Aufmerksamkeit und unterbricht für diesen Moment das Zusammenwirken der verschiedenen Bereiche im Gehirn, die Kreativität und komplexes Denken ermöglichen.

 

Der digitale Reiz trifft uns in Form einer E-Mail, einer Benachrichtigung, einem Verweis oder einer Eingabeaufforderung und ist für sich genommen kein Problem. Wir begegnen ihm fast automatisiert.

Der häufige Kontextwechsel und die Neuausrichtung unserer Aufmerksamkeit bringen jedoch Widersprüche mit sich. Sie verändern unsere Art zu denken. Die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol verhindert die Rückkopplung auf höhere kognitive Systeme. Das Verständnis der Zusammenhänge bleibt oberflächlich. Wissen wird nicht im Langzeitgedächtnis abgespeichert und fehlt für die Bewertung zukünftiger Situationen. Was einst als Notreaktion in der Gefahrensituation gedacht war, lässt den Menschen im Dauerarbeitsmodus verbrennen. Die Wahrnehmung wird fragmentiert und zerstreut. Dabei wäre für eine Problemlösung oder eine Wertschätzung des Gesprächspartners, eine tiefe Aufmerksamkeit nötig. Die ständige Verfügbarkeit vieler Informationen bringt die Notwendigkeit mit sich, digitale Reize ständig zu filtern, zu kategorisieren, zu bewerten und uns zu entscheiden. All das und die schiere Menge und Häufigkeit der eintreffenden Informationen, erzeugt „digitalen Stress“.

Digitaler Stress – nicht jeder leidet darunter

Nicht jeder empfindet derlei Widersprüche als Belastung. Im Gegenteil. Grundsätzlich begegnen uns beim Thema „digitaler Stress“ zwei Gruppen von Menschen. Gruppe A fragt: Wo ist das Problem? Ich habe keins. Gruppe B leidet unter den widersprüchlichen Arbeitsanforderungen. Letztere Gruppe bildet statistisch etwa 1 Drittel der Belegschaft.

Wovon hängt es ab, in welcher Gruppe wir uns wiederfinden? Dies wird von vier Dimensionen beeinflusst. Sie bestimmen, ob wir uns „in Kontrolle“ fühlen oder „gestresst“ sind.

1.    Die Persönlichkeitsmerkmale, die unsere Sicht nach innen prägen, basierend auf Erfahrungen und aufgebauter Resilienz. Ständig erreichbar zu sein und gebraucht zu werden, kann eben sowohl als Belastung als auch als Bestätigung des eigenen Selbst erfahren werden.

2.    Die Situation in der wir uns befinden, beeinflusst durch das Arbeitsverhältnis, die Rolle wir einnehmen, die Aufgabe die wir erfüllen und unseren Stand bei Kollegen. Zusätzlich bestimmen die Wohnort-, Arbeitsort- und Familiensituation die eigenen zeitlichen Entscheidungsspielräume im Umgang mit digitalen Technologien.

3.    Die Unternehmenskultur in der wir arbeiten. Sie beinhaltet alles Unausgesprochene im Unternehmen. All jene Regeln und  Werte, die mir implizit sagen, was von mir erwartet wird, ohne dass diese Erwartungen jemals ausgesprochen wurden. Sie legen sich wie ein Filter über das Arbeitshandeln und haben einen großen Einfluss auf unsere Entscheidungen.

4.    Die Informations- und Kommunikationstechnologie, die wir nutzen. Warum sind wir auch im Urlaub immer erreichbar und beantworten unsere E-Mails abends im Bett? Einfach, weil es möglich ist. „Der Computer ist so sehr unser Diener, dass es schon fast kleinlich erschiene zu bemerken, dass er gleichzeitig auch unser Herr ist.“ (Nicolas Carr)

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Die vier Dimensionen

Je bewusster, transparenter und flexibler die ersten drei Ebenen von uns wahrgenommen werden, umso leichter fällt es, bei der Nutzung digitaler informations- und Kommunikationstechnologien die Kontrolle und damit das steuernde Element zu behalten.

Welche Lösungen gibt es für den Arbeitsplatz der Zukunft?

Lange ging man davon aus, dass es ausreicht, die innere, persönliche Seite im Griff zu haben, um erfolgreich mit Ablenkungen und Informationsüberflutung umzugehen. Die Stressreduzierung durch den Aufbau individueller Ressourcen in Form von gesundheitsfördernden Maßnahmen wie Sport oder Entspannungstechniken bzw. Zeit Management oder Work-Life-Balance fällt in diesen Bereich. Diese Schlagwörter begleiten uns schon einige Zeit.

Warum ist das Problem also noch nicht zufriedenstellend gelöst? Das liegt vor allem daran, dass hohe Arbeitsintensität oder Stress zuerst wahrgenommen und dann auch noch als Problem anerkannt werden müssen.

Worum geht es bei Stress? In erster Linie um den Verlust von Kontrolle, beschrieben im Anforderungs-Kontroll-Modell. Es unterscheidet zwei Dimensionen. Anforderungen (demand) werden bestimmt durch die Arbeitsintensität d.h. Zeitdruck, Quantität der Arbeit oder oben beschriebene widersprüchliche Anforderungen. Die individuell wahrgenommene Kontrolle (control) ergibt sich aus dem eigenen Handlungsspielraum und der Komplexität der Situation.

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Quelle: Das Job-Demand-Control Modell nach Karasek und Thorell in Bamberg, E. & Mohr, G. & Busch, C. (2012) Arbeitspsychologie, Göttingen Hogrefe Verlag, S. 123

Das bedeutet, eine Aufgabe mit sehr hohen Anforderungen und dem Gefühl „alles im Griff“ zu haben, wird als aktiver, bereichernder Job empfunden. Im Gegenzug dazu, stresst uns der gleiche Job, wenn das Gefühl individueller Kontrolle nicht gegeben ist.

Die Sensibilität bei Führungskräften und Entscheidern zum Thema Stress am digitalen Arbeitsplatz hat inzwischen zugenommen. Auch in der Politik wird das Thema ernst genommen und in der Presse diskutiert Kampf gegen Burnout – Arbeitnehmer blockieren die Anti-Stress-Verordnung. Die Friedrich Ebert Stiftung mahnt die Anpassung des Arbeitsrechts an in Digitale Arbeit – Potentiale und Problemlagen. Es gibt aktuelle Gesundheitsreports wie die TK Studie zur Stresslage der Nation und Empfehlungen aus Branchenstudien Im Spannungsfeld von Innovation und Intensivierung sowie Studien zu Auswirkungen auf die Produktivität How Collaboration & Social Tools Drain Productivity.

Lösungsideen zur Reduzierung von digitalem Stress

Am digitalen Arbeitsplatz ergeben sich Lösungsideen zur Reduzierung von digitalem Stress auf den vier oben beschriebenen Ebenen:

der Persönlichkeit

  • sich selbst beobachten und auf körperliche Reaktionen bei der Nutzung von IKT achten,
  • Persönliche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erfassen z.B. Logbuch führen,
  • Bücher zu Thema Resilienzaufbau, Umgang mit Stress lesen,
  • mit Freunden, Partnern oder Kollegen über deren Erfahrungen zu diesem Thema sprechen,
  • sich professionelle Hilfe in Form eines Coachings suchen,
  • sich selbst die Erlaubnis geben, es „anderes“ zu machen und dann auszuprobieren was passiert,

der Arbeitssituation

  • E-Mails nur zu bestimmten Zeiten lesen bzw. Regelungen zu cc. und bcc. E-Mails treffen,
  • sich abgrenzen und klar kommunizieren: für diese Aufgabe benötige ich x Stunden ungestörte Aufmerksamkeit,
  • Absprache mit Kollegen zu Nutzung von Kommunikationstools treffen, die Angabe darüber enthalten, zu welchem Zweck und mit welchen Erwartungen an Reaktionszeit und Verfügbarkeit kommuniziert wird,
  • Blockzeiten für störungsfreies Arbeiten testen,
  • Regelungen zur Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit festlegen und konsequent einhalten,

der Unternehmenskultur

  • Räume für Face-to-Face Kommunikation bereit stellen,
  • Meeting-Kodex aufsetzten z.B. Erwartungshaltung zur Nutzung von IKT während der Besprechung formulieren,
  • das Thema digitaler Stress thematisieren,
  • Vorbild sein z.B. auf eigene Botschaften wie „Guten Abend Kollegen“ in einer E-Mail Ansprache achten,
  • Achtsamkeitstrainings durchführen,

der Technologie

  • Weiterleitung von E-Mails an Smartphones der Mitarbeiter zwischen 17:00 Uhr und 08:00 Uhr stoppen,
  • E-Mail Benachrichtigungen abstellen,
  • Filter einstellen, welche Informationen mich auswelchen Kanälen erreichen sollen,
  • Im Browser einstellen, zu welchen Zeiten ich nicht gestört werden will,
  • Gezielt einzelne Kommunikationskanäle abstellen und auf ein Hauptkommunikationsmittel verweisen.

Fazit

Wir malen uns für den Arbeitsplatz der Zukunft immer die tollste, flexibelste Technologie und Arbeitsplatzumgebung aus. Dabei wird es eher darauf ankommen, wie wir unsere lebendige Arbeitsfähigkeit erhalten. Zum Beispiel, in dem die Umgebung in der wir arbeiten und die Informations- und Kommunikationstechnologien selbst, uns davor schützen, immer alles zu tun, was möglich ist. Sie müssen uns vielmehr unterstützen, den Wechsel zwischen Phasen der Kreativität und Konzentration mit Phasen der Kommunikation und Entspannung zu gestalten, um digitalen Stress zu reduzieren und „in control“ zu bleiben.

Katrin Vagt ist Mitarbeiterin im Projekt Management bei der T-Systems Multimedia Solutions GmbH. Sie hat sich mit dem Thema „Spannungsfelder digitaler Arbeit“ in ihrer Masterarbeit im Fach Kommunikationspsychologie beschäftigt.

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